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[ interview mit henrik_]

geführt von Andrea Lüngen

Wo erlebtest Du Deine Kindheit und Jugend?

Aufgewachsen bin ich in Goslar am Harz. Eine wunderschöne alte Stadt. Das weiß ich allerdings erst zu schätzen, seit ich dort nicht mehr wohne. Als Schüler hat man eher Augen für Konzertangebot, Kneipen, Kino etc. Da war Goslar eindeutig Provinz. "Zonenrandgebiet" eben, - ein bei mir verpöntes Wort. Selbstverständlich: "Grenze zur DDR". In meinem Elternhaus war ich umgeben von viel Kunst und Musik. Meine Mutter spielte Klavier. Mein Vater war Maler und Graphiker. Er hat mich in jeder Lebenslage zu künstlerischer Wahrnehmung und Gestaltung angehalten. Egal, ob beim Regaleinräumen, Posteraufhängen, Briefkopfschreiben oder Tisch decken. Als Jugendlicher bin ich fast wahnsinnig geworden, heute merke ich, dass ich viel von ihm gelernt habe.

 
 

Wie begann Deine Laufbahn als Musiker?

Ganz „klassisch” in jedem Wortsinn: Klavierunterricht, Umblätterer und Kartenabreißer in einer sehr klassischen Abonnement-Reihe; Blockflötenunterricht (nicht ganz freiwillig) bei einer Frau Praetorius (das ist Barockmusik in Potenz); später dann Querflöte, Auftritte mit Barockensemble; und, ganz wichtig, der Kirchenchor, mit dem große Werke aufgeführt wurden und dem ich meine ersten mitreißenden musikalischen Erlebnisse verdanke. Daneben habe ich mich mit Zelt, Esbit-Kocher und Heckflossen-Mercedes auf diversen Folkfestivals rumgetrieben.

Hast oder hattest Du neben der Musik noch andere Hobbys?

Ja, als Schüler hatte ich eine gepflegte Meise mit der antiken Götterwelt. Selbstverständlich nur die griechische! Ich habe damals ernsthafte Erkundigungen für ein Archeologiestudium eingeholt.
Dann die Mineralogie - der Harz ist dafür ein Eldorado. Ein Hobby, das mich an die frische Luft brachte: halb verfallen Stollen erkunden, durch Steinbrüche klettern.
Heute ist es eher die Tischlerei (von meinem Großvater „ererbt” ) und das Kochen. Sollte ich noch einmal ein Hobby zum Beruf machen, eröffne ich ein Restaurant; bin großer Rossini-Verehrer.

 
 

Wolltest Du von Anfang an Musiker werden?

Nein. Ich habe zunächst mit einem Chemie-Studium begonnen, dann aber die Musik doch zu sehr vermisst. Und so habe ich mein Hobby, das Klavierspiel, zum Beruf gemacht. Studiert habe ich in Münster. Eine damals sehr beschauliche kleine Musikhochschule. Zu Beginn noch in einer Gründerzeitvilla untergebracht - ein richtiger Elfenbeinturm. Als ich dann staatlich geprüfter Instumentalpädagoge war, hatte ich bereits mit den Kollegen 6-Zylinder gegründet, und habe dann ganz konsequent zum zweiten Mal mein Hobby zum Beruf gemacht.

War das eine schwere Entscheidung?

Nein! Wir waren damals das einzige Ensemble dieser Art in Deutschland, erlangten so fast über Nacht eine gewisse Berühmtheit und konnten mit unserem Gesang Geld verdienen; eine Chance, die sich wohl kaum ein Musiker entgehen lässt, und von der viele Kollegen träumen.

Und was hat Deine Familie dazu gesagt?

Meine Frau hat diese Entscheidung von Anfang an mitgetragen. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Ohne ihre Entscheidung den Beruf - Ingrid ist Geigerin - hinten anzustellen und für die Familie da zu sein, hätte ich nicht 6-Zylinder werden können. Denn Kinder wollten wir auf jeden Fall haben. Mein Vater war - glaube ich - zunächst entsetzt. Friederike, meine erste Tochter, war gerade geboren, da erlebte er seinen Sohn als Straßenmusiker in Münster. Das ging nicht zusammen. Später hat er dann unsere Konzerte sehr genossen und war, glaube ich, auch stolz auf mich.

 
 
    „Ich habe eigentlich
    schon immer Leute
    zum Lachen
    gebracht.”

Wann zeigte sich Dein Hang zur Komik zum ersten Mal?

Das müsstest Du meine Eltern fragen, oder meine Grundschullehrer. Ich kann mich nur erinnern, dass ich schon in der Grundschule als Klassenkasper verschrien war, was mir zwar viele Freunde aber auch viel Ärger eingebracht hat. Ich habe auch früh gelernt, dass Lachen eine Waffe sein kann, wenn es für andere verletzend und provozierend ist. Mit einem Soloprogramm als zwölfjähriger Kabarettist kann ich aber ebenso wenig aufwarten, wie mit Klavierabenden im Vorschulalter.

Wann hast Du angefangen zu singen?

Während einer Jugend-Orchesterfahrt - ich war glaube ich 15 - habe ich zum ersten Mal im Chor mitgesungen. Weil gerade keine Flöte gebraucht wurde, habe ich eher widerwillig mal mitgesungen, statt Langeweile zu schieben. Immerhin! Zwei Jahre vorher galt noch: Lieber tot sein als singen.

 
 

Wird heute bei Euch zuhause viel Musik gemacht?

Ja, extrem viel. Meine Frau ist Geigerin. Auch alle drei Kinder spielen Instrumente. Insgesamt kann man im Hause Leidreiter hören: 1x Geige, 3x Klavier, 2x Horn, Klarinette, Saxophon, Oboe, Gitarre und E-Bass. Mein Gott, was ein Krach; fällt mir jetzt erst auf. Die armen Nachbarn!

Verrate doch mal ein paar Details aus dem 6-Zylinder-Leben! Wo war Deiner Meinung nach Euer bisher schönster Auftritt und warum?

Puh, das ist schwer zu sagen! Es hängt davon ab, welchen Maßstab man anlegt: der spektakulärste Auftritt, der am besten besuchte oder der mit dem schönsten Ambiente?!
Aber wenn ich mich jetzt eine eindeutige Antwort geben soll, dann nehme den Auftritt in der Gewölbehalle einer Kreuzritterfestung in Akko (Israel). Das war schon etwas sehr Besonderes. Ansonsten sind es natürlich die großen open-air-Auftritte, die das meiste Adrenalin freisetzen und die schönsten Erinnerungen tragen: Museumsuferfest in Frankfurt, Rheinauenfest in Bonn, oder in den letzten Jahren unser Eurocity-Fest auf dem prall gefüllten Domplatz in Münster. Ansonsten hinterlassen Auftritte in großen, schönen Theatern bei uns immer gute Erinnerungen (z.B. Recklinghausen oder Freiburg). Aber auch Auftritte auf kleineren Bühnen... Jetzt gerate ich ins Schwärmen. 6-Zylinder ist eben ein toller Beruf. Wer kann schon auf so viele wunderbare Erinnerungen aus seinem Berufsalltag zurückschauen und sich gleichzeitig auf die nächsten Konzerte freuen. Es wird auch nie langweilig, jedes Konzert ist anders!

 
 

Welche Musik hörst Du privat?

Eigentlich höre ich privat erstaunlich wenig Musik, aber wenn, dann immer noch am liebsten Klassik (Schwerpunkt Kammermusik).

Und Deine Lieblingsfernsehsendung?

Die Simpsons, Harald Schmidt, RTL-Samstagnacht (...das waren noch Zeiten!)

Magst Du uns eine Jugendsünde gestehen?

Auf keinen Fall!

Was war die wohl beste Entscheidung Deines bisherigen Lebens?

Es hört sich wahrscheinlich eher kitschig an, aber die beste Entscheidung ist für mich meine Heirat, und die Entscheidung für meine Familie.

Hast Du ein Lieblingszitat oder ein Lebensmotto?

Ist der Ruf erst... Nein, ich habe kein Lebensmotto. Das nagelt einen nur fest.
 

 

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